Jahreshauptversammlung des Blasmusik-Kreisverband Pforzheim-Enzkreis am 7. Februar 2026 in Mühlacker
Eine Gesellschaft, in der sich keiner Zeit nimmt, klingt still
Mit einer klangvollen Eröffnung durch den gastgebenden Musikverein Mühlacker begann die Jahreshauptversammlung des Blasmusik-Kreisverbandes Pforzheim-Enzkreis (BMKV) am 7. Februar in Mühlacker. Vertreterinnen und Vertreter aus 26 der 36 Mitgliedsvereine waren der Einladung gefolgt, um Bilanz zu ziehen und zugleich den Blick nach vorne zu richten.
Musik als gelebte Demokratie
Landtagsabgeordnete Stefanie Seemann eröffnete die Reihe der Grußworte. In Abstimmung mit dem ebenfalls anwesenden MdL Prof. Dr. Erik Schweickert spannte sie den Bogen von der musikalischen Ausbildung zur gesellschaftlichen Verantwortung. Ihr prägnantes Fazit, das zugleich Titel der Versammlung wurde: „Eine Gesellschaft, in der sich keiner Zeit nimmt, klingt still.“
Was im Blasorchester geschehe, so Seemann, sei mehr als musikalische Freizeitgestaltung: Im D-Lehrgang lernten junge Menschen, Teil von etwas Größerem zu sein; im Kreisjugendorchester (KJO) werde deutlich, dass Leistung und Gemeinschaft kein Widerspruch seien. Zuhören, aufeinander achten, den eigenen Part kennen und verantwortungsvoll ausfüllen – das sei Demokratiebildung im besten Sinne. Musikvereine pflegten Traditionen, gäben Gemeinden Gesicht und Klang und stifteten Identität. Ihr ausdrücklicher Dank galt den Ehrenamtlichen.
Oberbürgermeister Retter betont Bedeutung der Vereine
Der neue Oberbürgermeister von Mühlacker, Stephan Retter, begrüßte die Vereinsvertreter persönlich. Als langjähriger Musiker sei ihm die Situation der Blasmusikszene vertraut. Er unterstrich die herausragende Bedeutung der Musikvereine für das kulturelle Leben in Mühlacker und im gesamten Verbandsgebiet. Musik schaffe Begegnung, Verbundenheit und Heimat – Werte, die in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche wichtiger denn je seien.
Kritische Töne schlug hingegen Stefan Bosch, Vorsitzender des gastgebenden Musikvereins Mühlacker, an. Die zunehmende Bürokratisierung belaste das Ehrenamt spürbar. Immer weniger Menschen seien bereit, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, wenn administrative Hürden stetig wüchsen. Sein Appell richtete sich direkt an die anwesenden Mandatsträger.
Kreismusikfest 2.0: Modular und zukunftsfähig
Im Jahresbericht stellte der erste Vorsitzende des BMKV, Heiko Genthner, die in einem arbeitsreichen Jahr entwickelten Zukunftsprojekte vor. Ein zentrales Vorhaben ist das „Kreismusikfest 2.0“. Künftig soll das Fest modular aufgebaut sein: Aus verschiedenen Bausteinen können ausrichtende Vereine ein individuelles Konzept entwickeln, das zur eigenen Struktur und Identität passt.
Die neue Ausrichtung entstand in einem Workshop aus den Reihen der Vereine selbst – ein partizipativer Prozess, der auf breite Zustimmung stieß. Der entsprechende Beschluss zur künftigen Durchführung wurde einstimmig gefasst. Für das Kreismusikfest 2029 hat sich der Musikverein Ersingen angekündigt, der in diesem Jahr zugleich ein Vereinsjubiläum feiern wird.

Perspektive: Ein sinfonisches Verbandsorchester
Ebenfalls aus einem Workshop hervorgegangen sind die Überlegungen zu einem sinfonischen Kreisverbandsorchester. Horst Bartmann und Matthias May stellten das Konzept eines ambitionierten Auswahlorchesters vor, das engagierte Musikerinnen und Musiker aus den Verbandsorchestern zusammenführen soll.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich: Das Interesse ist vorhanden, doch bedarf es einer weiter geschärften Konzeption. Ziel ist ein weiterführendes Angebot auf vergleichbarem Niveau wie das Kreisjugendorchester – ohne dabei die Stammorchester zu schwächen. Parallel dazu will sich der Verband verstärkt der Erwachsenenbildung widmen. Musikerinnen und Musiker sollen gezielt befähigt werden, in Orchestern mitzuwirken. Gerade in den Vereinen fehle es vielerorts an Aktiven – bevor Kräfte in ein Auswahlorchester abgezogen würden, müsse die Basis gestärkt werden. Ein Impuls aus den Reihen des MV Freudenstein fand hierbei breite Unterstützung.
Bläserjugend als Motor der Erneuerung
Geschäftsführer Marc Moll berichtete von einer stabilisierten Finanzlage. Durch nachträglich ausbezahlte Mittel aus 2024 konnte das Defizit des Vorjahres ausgeglichen und ein Überschuss von rund 8.000 Euro erzielt werden. Kritisch bewertete er gemeinsam mit Genthner die schwer kalkulierbaren Zahlungsflüsse des Landesverbandes. Zwar bleibe der Finanztopf nominell gleich, doch nähmen die Anspruchsberechtigten zu. Die klare Forderung an die Landespolitik: An der Jugendförderung dürfe nicht gespart werden.
Ein besonderes Lob erhielt die Bläserjugend unter ihrem neu gewählten Vorsitzenden David Kalsow-Alonso. Dieser führte aus, dass die Neukonzeption der Jugendausbildung die Pilotphase erfolgreich abgeschlossen habe. Unterstützt durch eine Lern-App, bleibe die Prüfung vor Ort weiterhin papiergebunden. Kalsow-Alonso appellierte an die Mitgliedsvereine, ihre jungen Musikerinnen und Musiker für das Kreisjugendorchester zu melden: Mit derzeit 35 Personen sei das Orchester für die angestrebten Leistungsstufen noch zu klein. Ein gemeinsamer Konzertbesuch von Jugendleitern und Jugendlichen könne zusätzliche Motivation schaffen.
Sorgen bereiten noch die Anmeldezahlen für das Jugendwertungsspiel am letzten Samstag der Osterferien; die Frist wurde bis 1. März verlängert.
Wahlen und strukturelle Weichenstellungen
Nach dem Bericht der Kassenprüfer wurde die Vorstandschaft – moderiert von Prof. Dr. Erik Schweickert – entlastet. Er bezeichnete die Entlastung zugleich als „verschärfte Form der Bitte“, die erfolgreiche Arbeit fortzuführen.
Die Neuwahlen leitete Oberbürgermeister Stephen Retter. Heiko Genthner wurde einstimmig als erster Vorsitzender bestätigt. Horst Bartmann (Geschäftsbereich Musik), Marc Moll (Finanzen/Geschäftsführung), die Stadtkapelle Heimsheim als institutioneller Beisitzer, Finanzprüfer Bastian Fuchs und Michael Eck, wurden mehrheitlich beziehungsweise einstimmig gewählt. Auch die Satzungsänderungen fanden einstimmige Zustimmung.

Ein sichtbares Zeichen der Modernisierung setzt der Verband mit einem neuen Logo, vorgestellt von Frau Erdmann-Bott (Öffentlichkeitsarbeit). Der Entwurf, Ergebnis intensiver Vorstandsarbeit, wurde von der Versammlung einstimmig angenommen.
Fazit: Modernisierung mit Augenmaß
Die Jahreshauptversammlung war geprägt von sachlichem Diskurs und konstruktiven Beiträgen. Der Blasmusik-Kreisverband Pforzheim-Enzkreis stellt sich strategisch neu auf: mit modular gedachten Festformaten, innovativer Jugendarbeit, Überlegungen zu einem sinfonischen Verbandsorchester und einer stärkeren Unterstützung der Erwachsenenbildung.
Der Anspruch ist klar formuliert: Die 36 Mitgliedsvereine sollen zukunftsweisend begleitet werden – damit die Gesellschaft weiterhin klangvoll klingt.
